verfasst am Dienstag, dem 18. April 2017

ENQUETE DES BUNDESRATES „DIE ZUKUNFT DER PFLEGE: SCHAFFBAR, SICHTBAR, LEISTBAR“ AM 5. APRIL 2017

ENQUETE DES BUNDESRATES „DIE ZUKUNFT DER PFLEGE: SCHAFFBAR, SICHTBAR, LEISTBAR“ AM 5. APRIL 2017

Breites Spektrum an Herausforderungen im Pflege-Bereich

Parlamentarische Enquete befasst sich mit schaffbarer und

leistbarer Pflege

In der parlamentarischen Enquete zum Thema "Die Zukunft

der Pflege: Schaffbar, sichtbar, leistbar" wurden heute auch aktuelle

Herausforderungen und Lücken des gegenwärtigen Pflegesystems zum

Thema. Caritas-Präsident Michael Landau, Volksanwalt Günther Kräuter,

Forschungsvorstand der EcoAustria Tobias Thomas und die Präsidentin

des Gesundheits-Krankenpflege-Verbands Österreich Ursula Frohner

widmeten sich in Impulsreferaten diesem Aspekt des Themas. Zur

Enquete lud Bundesratspräsidentin Sonja Ledl-Rossmann, die die Pflege

in den Mittelpunkt ihrer 6-monatigen Präsidentschaft rückt.

Landau plädiert für selbstbestimmtes Leben und bundesweite

Harmonisierung der Pflegestandards

Michael Landau sieht wesentliche Gründe für die großen

Herausforderungen und Aufgaben vor allem durch den Anstieg der

Lebenserwartung und die Verschiebungen in der Altersstruktur der

österreichischen Bevölkerung gegeben. Der Caritas-Präsident wies auf

Skandinavien als Beispiel für ein gutes öffentlichen Pflegesystem mit

qualifizierten Arbeitsplätzen hin. In Österreich gebe es zwar aktuell

gute Ansätze, es fehle aber an gemeinsamen Schritten und

Anstrengungen. So müsse es etwa bei Demenzerkrankten Ziel sein, "dass

Menschen möglichst lange in der vertrauten Umgebung und möglichst

selbstbestimmt leben können". Vernetzungstreffen und

Wohngemeinschaften für demenzkranke Menschen seien beispielsweise ein

guter und richtiger Schritt. Die Umsetzung der österreichweiten

Demenzstrategie bedeute schlussendlich auch, Demenzkranken die

Möglichkeit zu geben, möglichst lang selbstbestimmt zu bleiben.

Landau befürwortete eine bundesweit einheitliche Regelung der

Ausbildung zur SozialbetreuerIn im Fachbereich Altenpflege. Man müsse

weg von der föderalistischen Struktur, forderte er und trat für einen

österreichweiten Angleich der Pflegestandards, -leistungen und -

qualität sowie der Kosten ein, damit diese nicht mehr

bundesländerspezifisch unterschiedlich sind.

Der Pflegefonds, der bis 2021 verlängert wurde, soll als Instrument der Steuerung, Finanzierung und Qualitätssicherung genutzt werden.

Die Unterstützung pflegender Angehöriger und den Rechtsanspruch auf

geförderte Fachberatung und Unterstützungsleistungen hält Landau

ebenfalls für notwendige neue Ziele, die es zu erreichen gilt.

Hospiz- und Palliativversorgung sollen nicht über Spenden finanziert

werden, alternativ plädierte er für eine Überführung aller

Initiativen in die Regelfinanzierung und eine Etablierung im ASVG.

Dies und die Umsetzung der Ergebnisse der Enquete-Kommission "Würde

am Ende des Lebens" gehören nach seinem Dafürhalten angegangen.

Zusammenfassend hielt Landau fest, dass es einer Erneuerung des alten

Finanzierungssystems bedarf, Solidarität anstatt einer drohenden

Armutsfalle für Betroffene sei hier angebracht.

Volksanwaltschaft: Errungenschaften würdigen, Missstände vermeiden

und ansprechen

Durch die Möglichkeit, seit 2012 unangemeldet Pflegeeinrichtungen

besuchen zu können, habe die Volksanwaltschaft einen

Präventionsmechanismus in der Hand, mit dem

Menschenrechtsverletzungen verhindert werden können, betonte

Volksanwalt Günther Kräuter. Bei den über 800 Besuchen in den letzten

Jahren sei klar geworden, dass vieles in Ordnung sei, oft gebe es

allerdings auch Mängel und Missstände zu beklagen. So beschäftige

sich die Volksanwaltschaft (auch in enger Zusammenarbeit mit der

Patientenanwaltschaft) mit Fragen, etwa warum um 16 Uhr in manchen

Einrichtungen bereits Abendessen serviert wird, BewohnerInnen

grundsätzlich einen Latz zum Essen umgebunden bekommen, wöchentliche

Dusch- und Badetage, die auf Feiertage fallen, ausfallen oder

hochbetagte Menschen aus Personalmangel sediert werden.

Eindeutig sei, dass das Pflegepersonal hervorragende Arbeit leistet,

so Kräuter. Die schlechte Bezahlung zeige allerdings, dass im Bereich

der Wertschätzung noch viel zu tun sei. Darüber hinaus empfahl er

einheitliche Strukturen sowie bundesländerunabhängige Normen und

Kosten zu schaffen. Die Verschärfung der Pflegestufen 1 und 2

erachtetet er als "nicht sinnvoll", werde doch ein großer Anteil

pflegebedürftiger Menschen von Angehörigen zu Hause gepflegt.

Unterstützung sei auch hier unbedingt nötig. Klare politische

Konzepte, die Modelle der Pflege-Qualitätssicherung beinhalten, seien

erforderlich.

Ziel für die Volksanwaltschaft sei es, Einrichtungen nicht

anzuprangern, sondern Verantwortung einzufordern, damit es nicht zu

Missständen kommt, unterstrich Kräuter. Einheitliche

Qualitätsstandards, um Menschenrechte zu schützen, stünden für die

Volksanwaltschaft im Fokus. Er wies darauf hin, dass die Erkenntnisse

der letzten Jahre nun auch in einer Broschüre zusammengetragen

wurden.

Ökonomische Betrachtung der Pflege - einheitliche Qualität,

transparente Kosten

Für Tobias Thomas kann ohne eine fiskalische und ökonomische

Betrachtung Pflege nicht nachhaltig gestaltet und zukunftsfit gemacht

werden. Noch sei der Pflegebereich in Österreich nicht in der Krise,

soweit müsse es allerdings auch nicht kommen, weshalb er nahelegte,

Lösungen und Beispiele für neue Wege etwa auch im Ausland zu suchen.

Der Anteil der Pflege durch Angehörige sei in Österreich relativ

hoch, wobei vergleichsmäßig geringe Kosten für die öffentliche Hand

anfallen, da wenig eingegriffen werde, erklärte der

Forschungsvorstand von EcoAustria. Gerade in diesem Bereich seien

jedoch Heldentum und Scham fehl am Platz. Die Pflegezahlen steigen in

den letzten Jahren massiv an. Derzeit liege der Anteil öffentlicher

Ausgaben für Pflege zwar knapp unter dem EU-Schnitt, aufgrund der

demographischen Entwicklungen werden sich die Kosten für Pflege bis

2060 seiner Ansicht nach verdreifachen. Eine einheitliche

Kostengestaltung über die Bundeländergrenzen hinweg erachtet Thomas

daher als erforderlich, betrage die Kostendifferenz für einen

durchschnittlichen Pflegebedürftigen stationär in unterschiedlichen

Bundesländern derzeit 21.000 €.

Eine Diskussion über Finanzierungsmaßnahmen, wie eine

Versicherungslösung, und Indikatoren für die Messung und Transparenz

der Kosten hält Thomas für genauso nötig wie eine einheitliche

Messung der Pflegequalität. Es bedarf einer realistischen

Einschätzung der Probleme, meinte er.

Frohner: weitere Reformen dringend nötig, kreative und nachhaltige

Gestaltung von Veränderungen

Der Gesundheits- und Krankenpflegeberuf sei bereits jetzt ein

Mangelberuf, hielt Ursula Frohner, Präsidentin des Gesundheits-

Krankenpflege-Verbands Österreich fest.

Durch den Anstieg der alten Bevölkerung werde zukünftig noch mehr ausgebildetes Pflegepersonal fehlen. Pflege werde oftmals als Kostenfaktor dargestellt, vielmehr sei allerdings ihr Leistungsfaktor zu erkennen, gab Frohner zu bedenken. Es brauche allerdings für alle Gesundheitsberufe gleiche Rahmenbedingungen und eine kompetente Umsetzung der Gesundheits- und Krankenpflege. Wichtig wäre etwa eine direkte Leistungsabrechnung mit der Sozialversicherung. Klar ist für sie, dass Reformen dringend nötig sind - in der Primärversorgung genauso wie beim solidarischen Krankenversicherungssystem. Im derzeitigen System sei eine

Zusammenarbeit zwischen freiberuflich tätigem Gesundheits- und

Krankenpflegepersonal und niedergelassenen ÄrztInnen praktisch nicht

umsetzbar, untermauerte Frohner den georteten Bedarf. Kurzfristige

ökonomische Effekte sollte hier allerdings nicht im Vordergrund

stehen, die Einbindung aller Beteiligten sei notwendig, um

Pflegeangebote leistbar zu ändern.

Die aktuell überproportional hierarchisch und medizinisch

ausgerichtet stationären und ambulanten Versorgungsangebote bedeuten

laut Frohner eine Verlagerung in den teureren Bereich der

Akutspitäler.

Sie verwies auf die 2016 beschlossene Ausbildungsreform, welche

zukunftsweisende Aspekte wie die Zusammenführung von

Ausbildungsvarianten, Überführung in den Hochschulbereich und

Ausbildung zur Pflegeassistenz beinhaltet, und ortete damit einen

wichtigen Schritt in Richtung durchgängige Bildungskarrieren mit der

Möglichkeit auf Spezialisierung und Weiterentwicklung im Pflegeberuf.

Zusammenfassend unterstrich Frohner, dass pflegerische

Leistungserbringung entsprechende Ausbildung, Kompetenz und

Rahmenbedingungen braucht, würden Komplikationen bei der Betreuung

nicht nur Kosten sondern auch menschliches Leid verursachen.

Kontroverse Diskussion zu den Herausforderungen in der Pflege und

ihrer Zukunft

Die Relevanz des Themas wurde, auch aufgrund der demographischen

Entwicklungen, in der abschließenden Diskussion deutlich. Unter

anderem wurden die 24-Stunden-Pflege und ihre Qualitätssicherung

sowie finanzielle Unzulänglichkeiten thematisiert. Über eine

dringende Valorisierung im Pflegebereich, spezielle beim Pflegegeld

und der Regelfinanzierung der Palliativ- und Hospizbetreuung war man

sich einig. Knappe Zeitvorgaben des Roten Kreuzes und offene Punkte

rund um die Pflege durch Angehörige wurden ebenfalls erörtert.

Der mögliche Anreiz einer Pflegelehre und private Personenbetreuer

standen auch zur Diskussion, genauso der allgemeine Personalmangel,

die Überlastung des Pflegepersonals, die Verbesserung ihrer

Arbeitsbedingungen sowie die Anpassung des Berufsbildes von MTD-

Berufen. (Fortsetzung Enquete) wat

HINWEIS: Fotos dieser Veranstaltung finden Sie auf der Website des

Parlaments unter www.parlament.gv.at/SERV/FOTO/ARCHIV.

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